Das Gsiesertal — Orte, Brauchtum und stille Ecken
Das Gsiesertal zweigt bei Taisten unaufgeregt vom Pustertal ab — und bleibt dort, wo andere Täler längst zu Kulissen geworden sind, ein arbeitendes Tal. Zweiundzwanzig Kilometer zieht es sich vom Taleingang bis ins hintere Tscharniet, gesäumt von Bauernhöfen, die oft seit Jahrhunderten denselben Familien gehören. Im Norden ragen die Villgratner Berge auf, jenseits des Kamms liegt Osttirol. Im Süden schieben sich die Pragser Dolomiten ins Blickfeld, und an klaren Abenden glüht der Kalkstein der Sextner Sonnenuhr. Wer hier Urlaub macht, wohnt nicht in der Nähe der Berge, sondern mitten unter ihnen.
Rund 2.200 Menschen leben in der Gemeinde Gsies. Dass das Tal trotz seiner Nähe zu Toblach und Bruneck so ursprünglich geblieben ist, hat einen einfachen Grund: Es ist eine Sackgasse. Es gibt keine Durchgangsstraße, keinen Transit, keinen Skibetrieb mit Gondelbahnen. Was es gibt, ist Zeit — und eine Landschaft, die von der Landwirtschaft geprägt bleibt.
Die Orte des Tals
Das Gsiesertal besteht aus einer Kette kleiner Ortsteile, die sich entlang des Gsieser Bachs aneinanderreihen. Jeder hat seinen eigenen Ton.
St. Martin in Gsies
Der Hauptort liegt auf rund 1.280 Metern und ist das verwaltungliche Zentrum der Gemeinde. Hier finden Sie das Gemeindeamt, Geschäfte für den täglichen Bedarf und die Pfarrkirche. St. Martin ist der praktische Ort des Tals — und der erste, den Sie durchfahren, wenn Sie von Taisten aus einbiegen.
St. Magdalena
St. Magdalena liegt am sonnigen Hang auf rund 1.400 Metern und gilt vielen als der schönste Fleck des Tals. Die Pfarrkirche mit ihrem charakteristischen Turm steht auf einem kleinen Hügel, umgeben von Höfen, deren Dächer und Zäune das Bild seit Generationen prägen. Von hier aus starten viele Wanderungen — zum Schwarzsee, auf den Rotlahner oder entlang des Talblickwegs. Auch das Hotel Quelle steht in St. Magdalena.
Pichl, Kalkstein und Tscharniet
Außerpichl und Innerpichl sind Weiler im mittleren Talabschnitt, geprägt von weit auseinanderliegenden Höfen. Kalkstein war einst eine Zollstation an der Grenze zu Osttirol — der Name erinnert an die kalkhaltigen Felsen der Umgebung. Am Talende liegt Tscharniet auf rund 1.600 Metern, still und abgelegen, umringt von den Gipfeln der Villgratner Berge. Wer bis hierhin kommt, hört oft nichts als den Bach und das Läuten der Kuhglocken.
Brauchtum, das gelebt wird
Im Gsiesertal ist Brauchtum kein Programmpunkt, sondern Jahreslauf. Drei Termine zeigen das besonders deutlich:
- Der Almabtrieb im Herbst: Wenn das Vieh von den Almen ins Tal zurückkehrt, werden die Kühe traditionell geschmückt — mit Kränzen, Glocken und bunten Bändern. In St. Magdalena und St. Martin säumen Einheimische und Gäste die Straßen.
- Das Herz-Jesu-Feuer im Juni: An den Berghängen rund ums Tal brennen Feuer in Form von Herzen und Kreuzen. Der Brauch geht auf das Gelöbnis der Tiroler aus dem Jahr 1796 zurück und wird bis heute von den Schützen und Burschen der Dörfer gepflegt.
- Der Gsiesertal-Lauf im Februar: Einer der größten Volkslangläufe Italiens. Tausende Teilnehmer laufen durch das winterliche Tal, klassisch und skating — und für ein Wochenende ist das stille Gsiesertal der Mittelpunkt der Langlaufwelt.
Dazwischen liegen Kirchtage, Konzerte der Musikkapellen und die kleinen Feste der Schützenkompanien. Wer als Gast dabeisteht, ist willkommen — Zuschauen ist hier ausdrücklich erlaubt.
Stille Ecken, die Sie suchen sollten
Abseits der bekannten Wanderziele hält das Tal Plätze bereit, die in keinem Prospekt groß auftauchen. Der Schwarzsee oberhalb von St. Magdalena ist so einer: ein dunkler Bergsee in einem Kar, erreicht über einen Steig durch Zirbenwald. Am frühen Morgen teilt man ihn mit niemandem außer den Wasseramseln.
Der Talblickweg verbindet die Höfe der Sonnenseite auf sanften Steigen — kein Gipfelziel, dafür ein Panorama, das von Stunde zu Stunde wechselt. Und im hinteren Tal führt ein schmaler Weg von Kalkstein nach Tscharniet entlang des Gsieser Bachs, vorbei an Wasserfällen und alten Stadeln. Hier spürt man, wie weit das Tal einmal von allem entfernt war — und in gewisser Weise noch ist.
Was ringsum liegt
Das Gsiesertal ist ruhig, aber nicht abgeschnitten. In gut einer halben Stunde erreichen Sie Orte, die zu den bekanntesten der Dolomiten zählen:
- Der Pragser Wildsee im Nachbartal — smaragdgrün, berühmt und in der Hochsaison nur mit regulierter Zufahrt zu besuchen. Früh losfahren lohnt sich.
- Die Plätzwiese auf rund 2.000 Metern, eine Hochfläche mit Blick auf Dürrenstein und Hohe Gaisl und Ausgangspunkt leichter Wanderungen.
- Der Kronplatz bei Bruneck, Südtirols Skiberg Nummer eins, im Sommer Wander- und Museumsberg.
- Toblach mit dem Gustav-Mahler-Haus und Bruneck mit Schloss, Fußgängerzone und dem Messner Mountain Museum Ripa.
Ein Tal aus Höfen
Was das Landschaftsbild prägt, ist die Streusiedlung: Das Gsiesertal kennt kaum geschlossene Dörfer, dafür umso mehr Einzelhöfe und Weiler. Viele davon sind alte Paarhöfe — Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude unter einem First, oft mit eigener Kapelle. Zwischen den Höfen liegen Wiesen, die zwei- bis dreimal im Jahr gemäht werden, und Zäune aus Lärchenholz, die das Vieh halten und das Bild ordnen. Diese Kulturlandschaft ist kein Zufall, sondern Arbeit: Ohne die Bauern, die mähen, wäre das Tal in einer Generation Wald.
Das Tal verstehen
Am schönsten zeigt sich das Gsiesertal dem, der es zu Fuß nimmt: am Morgen über die Wiesen, am Abend auf den Balkon. Wer eine Woche bleibt, merkt schnell, dass die Uhr hier anders geht — nach Stallzeiten, nach Wetter, nach Jahreszeit. Und wer genau hinschaut, entdeckt die kleinen Dinge: die Handschrift der Schreiner an den Balkonen, die Namen der Höfe über den Türen, die Kräuter am Wegrand. Genau das ist der eigentliche Luxus dieses Tals: Es verlangt nichts und gibt dafür umso mehr.